Logistik: Nervensystem des Handels

Endkunde treibt Digitalisierung – und damit Veränderungen in den Wertschöpfungsketten

von Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer

Insgesamt 15 Trends beeinflussen Strategien und Praxis der Logistik, beispielsweise exogene Trends wie Kostendruck, Individualisierung und Komplexität und endogene Trends wie verbesserte Transparenz in Supply-Chains durch Digitalisierung der Geschäftsprozesse. Wesentlicher Treiber beider Kategorien ist – das wundert die Händler nicht – der Endkunde, der sich in Industrie, Handel und Dienstleistung wettbewerbsentscheidend bemerkbar macht. Die Antwort auf viele Kunden­anforderungen ist wiederum die Digitalisierung.

Die digitale Transformation umfasst nicht nur im Handel unterschiedliche strategische Schwerpunkte: Unternehmenswandel, Weiterentwicklung von IT, Datennutzung, Förderung von Innovationen. Sie entwickelt sich so schnell, dass am Experimentieren und Nachjustieren kein Weg vorbeigeht. Mit der Digitalisierung treten neue Geschäftspartner mit anderen Unternehmenskulturen auf den Plan, die es produktiv zu integrieren gilt. Folglich sind alle Akteure aufgefordert, aktiv mitzuwirken, damit sich Unternehmen und Wirtschaftsstandorte im digitalen Wettbewerb erfolgreich positionieren können.

Von den 1 351 Studienteilnehmern der Trends- und Strategien-Studie der BVL aus dem Jahr 2017 schätzen drei Viertel die Chancen durch digitale Transformation für ihr Unternehmen als hoch ein. Mehr als die Hälfte der Unternehmen wartet jedoch ab, bis erprobte Lösungen vorliegen. Ein Drittel der Befragten sieht hohe Risiken durch Digitalisierung und begründet dies mit erforderlichen Sachinvestitionen, Qualifizierungsbedarf für neue Abläufe, der zeitlich anspruchsvollen Förderung von IT-Kompetenzen sowie der bislang fehlenden Kultur des Ausprobierens und Lernens. Doch der Mut zur Veränderung lohnt sich.

Kernaussagen
Um zum Erfolg zu führen, erfordert die digitale Transformation einen konsequenten, aktiv gestalteten Unternehmenswandel.
Dazu gehören die Weiterentwicklung von IT, Datennutzung, Förderung von Innovationen und die Schulung der Mitarbeiter.
Der Prozess hat eine hohe Dynamik. Am Experimentieren und Nachjustieren führt kein Weg vorbei. Gerade im Handel gibt der Kunde verstärkt den Takt vor. Nicht „Einkäufe erledigen“, sondern „Einkaufserlebnisse finden“. Reales und Digitales wird kombiniert. Um neue Einkaufserlebnisse wirtschaftlich anbieten zu können, sind digitale Tools unerlässliche Schlüssel zum Erfolg.

Digitale Technologien ermöglichen es, Kosten zu senken – beispielsweise durch intelligente Vorhersagen oder durch die operative Unterstützung der Mitarbeiter. Sie können aber auch zur Verbesserung der Kundenbeziehungen beitragen und neue Geschäftsfelder eröffnen. Diese Wirkungen einer digitalen Transformation werden von einer Mehrzahl der Handelsunternehmen (74,5 %) bestätigt.

Um erfolgreich digitalisieren zu können, wird zunächst eine Datenbasis benötigt, die über Unternehmensgrenzen hinaus auswertbar ist. Zur Erfassung, Speicherung und Übertragung von Daten existieren im Handel bereits umfassende Ansätze, denn die Objektverfolgung auf Produktebene ist dort essenziell. Über 60 Prozent der Unternehmen nutzen 2-D-Codes – und kaum RFID. Die Vision einer Supply-Chain, die sich mithilfe von RFID-markierten Produkten darstellen lässt, wird von der Praxis noch nicht getragen.

Der Einsatz von Sensoren an Behältern, Ladehilfs- und Transportmitteln wird attraktiver: Sie sind nützliche Datenquelle und Verfolger von Betriebszuständen zugleich und können Handlungen auslösen. Sensorik wird als mittel bis hoch relevant eingeschätzt – im Handel geringer als im verarbeitenden Gewerbe. Fast 40 Prozent der Handelsunternehmen planen keine Einführung von Sensorik, in der Pro­duktion nutzen sie mehr als die Hälfte intensiv.

Die Auswertung von gespeicherten Informationen über Kapazitäten, Aufträge oder Kunden wird im Handel seit Jahren betrieben, beispielsweise die elektronische Abwicklung von Aufträgen und die kennzahlengestützte Ableitung von Maßnahmen. Predictive Analytics und Predictive Maintenance ermöglichen Optimierungen in Geschäftsprozessen.

Die komplette Umstellung von IT-Systemen ist für Unternehmen oft schwer umsetzbar. Alt-Systeme müssen angebunden und Produktivsysteme ersetzt werden, denn die IT-Landschaft in den Unternehmen hat sich unterschiedlich entwickelt. Neue Serviceangebote wie „Anything as a Service“ (XaaS)-Ansätze können flexibel mitwachsen, verursachen geringere Investitionskosten und geben den Nutzern schneller Zugang zu neuen Applikationen. Bei den cloudbasierten IT-Services wurden die Bereiche Software (SaaS), Infrastruktur (IaaS) und Plattformen (PaaS) untersucht: Nur 20 Prozent nutzen diese Services heute und nur 10 Prozent planen den Einsatz innerhalb der nächsten fünf Jahre. BVL-Experten mahnen hingegen, dass cloudbasierte Infrastruktur unerlässlich sei, weil die Datenmengen und die Anforderungen an die Servicequalität weiter zunehmen werden.

Warehouse-Management-Systeme wurden von allen Experten als eines der relevantesten Technologiekonzepte identifiziert, fast 60 Prozent der Teilnehmer setzen solche Software umfassend ein. „Enterprise Resource Planning“ (ERP)-Systeme sind von sehr hoher Relevanz, obwohl deren Einsatz mit großem Aufwand verbunden ist. Unternehmen mit über 3 000 Mitarbeitern setzen diese Systeme zu weit über 80 Prozent ein, denn durchgängige und schnelle Verfügbarkeit von Daten der gesamten Supply-Chain sind essenziell.



Assistenzsysteme erleichtern und verbessern die Arbeit des Personals. Beim Warenumschlag oder im Lager ist deren Einsatz sinnvoll, um Fehler zu vermeiden, die Mehr- und Nacharbeiten nach sich ziehen. Außendienstmitarbeiter nutzen Anwendungen auf mobilen Endgeräten, etwa für Instandhaltung oder den Zugriff auf Unternehmensdaten und Kennzahlen. Bereits über die Hälfte der Studienteilnehmer haben den mobilen Datenzugriff für Mitarbeiter realisiert, nur ein Zehntel der Befragten hat bis jetzt keine Pläne hierzu.

Ein Datenzugriff über Wearables wie Smartwatches oder Activity-Tracker erhielt nur mäßige Bewertungen: 52 Prozent planen keine Nutzung in den nächsten fünf Jahren. Diese Aussage steht im Widerspruch zu einer Bitkom-Befragung, in der drei Viertel der Verantwortlichen aus Unternehmen mit eigener Logistik erwarten, dass Datenbrillen weit verbreitet sein werden. Zwei Drittel glauben sogar, dass selbstlernende Systeme viele Aufgaben in der Logistik übernehmen werden, etwa Routen-Planung oder das Auslösen von Bestellvorgängen. Wunsch und Wirklichkeit werden also weiterhin zu beobachten sein.

Ähnliche Ergebnisse sind auch bei Augmented-Reality (AR)-Lösungen zu beobachten. Auch hier bestätigen die BVL-Experten, dass das Aufzeichnen der realen Umgebung und die Überblendung mit zusätzlichen Informationen in Form von stationären Geräten oder als Smartphone-Apps für den Einzelhandel interessant werden können.

Die autonome Zustellung im öffentlichen Raum mithilfe kleiner landgebundener Roboter testen Unternehmen wie Hermes, MediaMarkt und die Schweizer Post mit Starship Technologies oder der Pizzalieferdienst Dominos mit Marathon Targets. Handel und Logistikdienstleister bewerten die Roboterunterstützung noch mit nur mittlerer Relevanz. Die Bitkom-Studie weist aus, dass autonome Drohnen Inventuren im Lager erledigen werden. 57 Prozent gehen sogar davon aus, dass die Waren mit autonomen Fahrzeugen transportiert werden. Das prognostiziert auch die BVL – für 2025 bis 2030. //

 

 

Autorenvita: Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer

 

 

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©Kai Bublitz/BVL

 

 

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Internet of Things

Smart Things kommunizieren über das Internet der Dinge miteinander, wodurch neue Möglichkeiten automatischer Prozesse entstehen.

von Andreas Fuhrich

Statt selbst Gegenstand der menschlichen Aufmerksamkeit zu sein, soll das „Internet der Dinge“ den Menschen bei seinen Tätigkeiten unmerklich unterstützen. Dabei bezeichnet das Internet of Things (IoT) die Verknüpfung eindeutig identifizierbarer physischer Objekte mit einer virtuellen Repräsentation in einer internetähnlichen Struktur.

Die automatische Identifikation mittels RFID wird oft als Grundlage für das Internet der Dinge angesehen. Allerdings kann eine eindeutige Identifikation von Objekten auch mittels anderer Identifikationsverfahren, wie Strichcode oder 2-D-Code, erfolgen. Bauteile wie Sensoren und Aktoren erweitern die Funktionalität um die Erfassung von Zuständen bzw. die Ausführung von Aktionen.

Ziel des IoT ist die automatische Übertragung von Zustandsdaten realer Dinge in die virtuelle Welt, um dort weiterverarbeitet werden zu können. Solche Daten können beispielsweise Informationen über die aktuelle Nutzung, den Verbrauch, aber auch über besondere Umweltbedingungen am Ort des „Things“ sein. In einem IoT-Netzwerk kommunizieren auf diese Weise mehrere Dinge miteinander und sind in der Lage, sich gegenseitig Aufgaben zuzuweisen.

Wearables sind ein typisches Einsatzgebiet des IoT. Eine Smartwatch kann beispielsweise ihren Träger genau lokalisieren und diese Daten an die Heizung im Smart Home übermitteln. So kann sich diese automatisch ausschalten, falls das Haus verlassen wird, und sich einschalten, wenn man sich nähert.

In der Wirtschaft spielt das IoT vor allem im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 eine wichtige Rolle. Dabei soll, nach Plänen der Bundesregierung, eine weitestgehend selbst­organisierte Produktion möglich werden: Menschen, Maschinen, Anlagen und Produkte kommunizieren und kooperieren direkt miteinander. Durch die Vernetzung soll es möglich werden, nicht mehr nur einen Produktionsschritt, sondern eine ganze Wertschöpfungskette zu optimieren. Das Netz soll zudem alle Phasen des Lebenszyklus des Produktes einschließen – von der Idee eines Produkts über die Entwicklung, Fertigung, Nutzung und Wartung bis hin zum Recycling.

Durch die Aktionen, die auf Basis der Daten des eigenständigen Informationsaustauschs zwischen Produktionsmaschinen, Lagersystemen und Betriebsmitteln entstehen, ergeben sich diverse Vorteile: Produkte können effizienter hergestellt und die Produktqualität kann verbessert werden. Der Energieverbrauch kann optimiert werden, da die einzelnen Teilnehmer eines IoT-Netzwerks nur dann aktiv sind, wenn sie wirklich benötigt werden. Durch die Nutzung moderner Technologien wird der Arbeitsplatz auch für die Mitarbeiter attraktiver. Zudem können Produkte kundenindividueller hergestellt werden, wodurch die Kundenbindung verbessert wird.

Von entscheidender Bedeutung beim IoT ist das Thema Sicherheit. Schließlich können Hacker nicht nur Daten stehlen oder verändern, sondern auch die Steuerung der Dinge übernehmen. Das Gefahrenpotenzial etwa im E-Health-Bereich oder bei Steuerungssystemen eines Kraftwerks ist daher außerordentlich.

Zukunft des 3-D-Drucks und Industrie 4.0

Neue Supply-Chain: Wie verändert der 3-D-Druck die Lieferketten und was bedeutet das für den stationären Handel?

von Prof. Dr. Welf Wawers

Die schnell anwachsende Verwendung der additiven Fertigungsverfahren, auch als 3-D-Druck bezeichnet, revolutioniert die Fertigungstechnik von Grund auf und eröffnet der Konstruktionstechnik bislang ungeahnte Möglichkeiten. Mit der Qualifizierung immer neuer Materialien für den 3-D-Druck dringen die Verfahren auch in immer neue Produkte vor, seien diese aus Kunststoffen, Metallen oder sogar Proteinen aufgebaut. Und die Verfahren wachsen rasant, laut einer Studie von PwC Strategy& vom Januar 2018 wird das Marktvolumen für gedruckte Produkte bis 2030 auf 22,6 Milliarden Euro ansteigen und sich damit fast verzehnfachen.(1) Die damit einhergehenden tiefgreifenden Veränderungen der gesamten Wertschöpfungskette eines Produkts betreffen auch den Handel und den weltweiten Warenverkehr, also die globalen und lokalen Lieferketten.

Bis zu 10 000 Einzelteile sind in einem modernen Pkw verbaut. Etliche dieser Einzelteile werden bei einem Modellwechsel zwar in die nächste Generation mit übernommen, trotzdem gibt es einige Hundert oder sogar Tausende Teile, die nur noch für den After-Market produziert werden. Berücksichtigt man den allgemein immer kürzeren Produktlebenszyklus, der z. B. bei Fahrzeugen von im Schnitt acht Jahren in den 1970er-Jahren auf drei in den 1990er-Jahren gesunken ist, kumuliert sich hier ein enormer Aufwand für die Produktion, die Lagerhaltung und die Lieferung von Bauteilen, die im Laufe der Zeit immer seltener nachgefragt werden. Zur Verfügung halten muss der Hersteller diese Bauteile allerdings. So besagt in Deutschland beispielsweise die Rechtsprechung, dass Ersatzteile für einen Zeitraum von mind. zwölf Jahren nach Auslieferung des letzten Fahrzeugs einer Modellreihe bereitgestellt werden müssen. Aus Prestigegründen gehen die Hersteller aber selbst oft weit über die zwölf Jahre hinaus, man denke nur an den VW Käfer oder den Mercedes /8.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine der frühesten Anwendungen der 3-D-Drucktechnik für Fahrzeugteile im After-Market angesiedelt ist. Seit 2016 bietet die Daimler AG in ihrer Nutzfahrzeugsparte in 3-D-gedruckte Ersatzteile an. Zunächst in Kunststoff, ein erstes gedrucktes Aluminium-Bauteil ist im Lkw-Bereich bereits auch verfügbar.(2)
Auch der Volkswagen-Konzern setzt bereits an 26 verschiedenen Standorten 3-D-Drucker für die Ersatzteilherstellung ein. VW platziert dafür regionale Druckzentren, mit dem erklärten Ziel, die Logistik und Lagerhaltung zu vereinfachen.(3) Erreicht wird diese Vereinfachung in erster Linie mit der Überspringung von Supply-Chain-Prozessschritten, womit auch erhebliche Einsparungen beispielsweise bei den Transportkosten oder, gerade aktuell mit Blick auf die USA, bei Einfuhrzöllen einhergehen. Dieser Einfluss der 3-D-Drucktechnik auf die Supply-Chain wird auch zunehmend den Logistikdienstleistern bewusst. Im November 2016 veröffentlichte DHL einen Report zu dem Thema „3-D-Druck und die Zukunft der Lieferketten“.(4)

Mit Blick auf den Report glaubt Matthias Heutger, Senior Vice President bei DHL, dass „der 3D-Druck mittelfristig die größten Auswirkungen auf die Ersatzteillogistik und bei der Herstellung von kundenspezifischen Teilen haben wird.“(5) Die Überspringung von Supply-Chain-Prozessschritten wie beispielsweise dem globalen Gütertransport bedeutet einen Wegfall der Transportkostenumsätze. Trotzdem sieht Matthias Heutger der neuen Technologie positiv entgegen und meint, diese „könnte Logistik und Herstellung näher zusammenbringen als jemals zuvor.“

Ein Schritt in diese Richtung wären beispielsweise lokal beim Endkunden angesiedelte oder als „Pop-up-Store“ mehr oder weniger mobile, von den Logistikunternehmen geführte Mikrofabriken. Bestellt der Kunde ein Produkt oder ein Ersatzteil, erhält die nächstgelegene Mikrofabrik die CAD-Printdaten vom Hersteller (oder dem Lizenzrechtehalter). Das Bauteil wird endkundennah gedruckt und mit minimalen Transportkosten geliefert. Der nächste Schritt, im DHL-Report von 2016 als Zukunftsvision mit Verweis auf ein von Amazon beantragtes Patent beschrieben, geht noch weiter. Dabei könnten Lieferwagen mit 3-D-Druckern bestückt werden. Mit diesen dann vollkommen mobilen Mikrofabriken könnten die Produkte auf dem Weg zum oder vor Ort beim Kunden hergestellt werden. Die Vision rückt gerade in die Gegenwart, das Patent für einen innovativen On-Demand-3-D-Druck-Service für den Einzelhandel(6) wurde Amazon Anfang Januar 2018 erteilt. Es ist davon auszugehen, dass Amazon dieses Patent nun auch zeitnah umsetzen wird. Einige der großen Fragen im Zusammenhang mit dem Aufbau von Mikrofabriken, ob mobil oder nicht und ob in der Hand der Logistikunternehmen oder von örtlichen 3-D-Druckshops oder sogar von Privatpersonen für den eigenen Bedarf, sind die Produktverantwortung und die Haftung im Schadensfall.

 

Kernaussagen
Die Wirkung des 3-D-Drucks ist bis weit in die Gesellschaft hinein. Durch 3-D-Drucker für den Heimgebrauch sprechen Experten schon von der „Demokratisierung des Produktes“.
Im „Rapid Prototyping“ ist der 3-D-Druck bereits lange fest etabliert. Weitere Einsatzbereiche sind z. B. Werkzeugbau, Formenbau und Ersatzteilherstellung.
Die Produktion eines Konsumguts kann nun auch wieder in Hochlohnländern lohnenswert sein.

 

Zurückkommend auf das Eingangsbeispiel ist es durchaus fragwürdig, ob Konzerne wie die Daimler AG, die einen sehr hohen Aufwand bei der Qualitätskontrolle ihrer Produkte betreiben, bereit sind, diese als Original-Ersatzteile von quasi jedermann auf Druckern außerhalb der Konzernkontrolle ausdrucken zu lassen. Bei unsauber oder fehlerhaft ausgedruckten Bauteilen könnte dies einen Imageschaden für die Marke bzw. das Unternehmen bedeuten. Natürlich könnten derartig hergestellte Bauteile auch unter einem anderen Label als „Original“ auf den Markt gebracht werden.

Was aber, wenn der Kunde dann doch ein Original-Ersatzteil des OEM haben möchte?
In diesem Falle müssten die Hersteller ihre Lieferketten beibehalten oder zumindest, siehe das Beispiel VW, eigene regionale Druckzentren weltweit errichten.
Hinzu kommt der rechtliche Aspekt der Haftung. So manchem autoaffinen Bastler wurde bereits die TÜV-Plakete verweigert, weil er die allgemeine Betriebserlaubnis der zusätzlich montierten Nebelscheinwerfer nicht vorweisen konnte, die besagt, dass nach fachkundiger und kostenpflichtiger Prüfung genau diese Scheinwerfer auf genau dieses Fahrzeug montiert werden dürfen, ohne eine Gefahr für den Straßenverkehr darzustellen.

Erscheint da nicht ein – plakativ gesagt – vom Paketzusteller während der Fahrt ausgedruckter Bremssattel als eine für den Straßenverkehr womöglich größere Gefahr?
Dass es möglich ist, einen Bremssattel aus Metall, in diesem Falle aus Titan, auszudrucken, beweist gerade Bugatti bei seinem Chiron, dem derzeit schnellsten Auto der Welt.(3) Der Ausdruck dieses Präzisionsbauteils erfolgt dabei unter kontrollierten Werkstattbedingungen mit anschließender Qualitätskontrolle.
Wer aber haftet, wenn der von einem Privatmann in seiner Garage oder vom Logistikunternehmen während der Fahrt ausgedruckte Bremssattel unter Belastung versagt, und dabei gar Menschen zu Schaden kommen?
Diese rechtliche Frage muss noch geklärt werden. Eine mögliche Antwort darauf liefert Markus Kückelhaus, Vice President Innovation and Trend Research bei DHL Customer Solutions & Innovation, der sagt, „nicht alle Produkte sollten, können oder werden mit 3-D-Druckern produziert werden“.(5) Daneben gibt es jedoch auch eine ganze Reihe von Produkten, die weniger präzise hergestellt werden müssen und sicherheitskritisch deutlich weniger relevant sind.

Kann dabei eine gleichbleibende Produktqualität nicht garantiert werden, wäre es vorstellbar, dass eine Kostenrechnung, welche die Einsparungen des endkundennahen 3-D-Drucks den Aufwendungen durch Garantiefälle gegenüberstellt, darüber entscheidet, ob ein Produkt für den 3-D-Druck beim oder auf dem Weg zum Kunden geeignet ist. Und schließlich gibt es auch Produkte, die geradezu prädestiniert für die individuell an den Endkunden angepasste Herstellung im 3-D-Druck sind. Ein typisches Beispiel hierfür sind kundenspezifisch hergestellte Schuhsohlen. Der 3-D-Drucker wird mit konventionell oder auch im 3-D-Druck hergestellten Schuhen bestückt, in die die Sohlen „eingedruckt“ werden. Dieses als „Postponement“ bezeichnete Verfahren der kundenindividuellen späten Differenzierung eines Standartprodukts in verschiedene Varianten greift auch der DHL-Report auf und wäre in Anbetracht der derzeitigen Möglichkeiten des 3-D-Drucks kurzfristig umsetzbar.

Eine Studie von Bain & Company aus dem Jahre 2013 zeigt, dass derzeit ca. 10 % der Online-Konsumenten die bereits jetzt angebotenen Möglichkeiten der Produktindividualisierung nutzen und weitere 25 % bis 30 % daran interessiert sind. Werden künftig 25 % Nutzer zugrunde gelegt, kommt Bain & Company in seiner Studie auf einen Umsatz für den Bereich Schuhwerk von 2 Milliarden US-Dollar jährlich.(7)

Additive Fertigung: Eine Schicht nach der anderen wird addiert bis das Druckobjekt fertig ist. Durch dieses Fertigungsverfahren kommen auch die Rillen an 3-D-Modellen zustande.

Die bisher beschriebenen Veränderungen in den Lieferketten entspringen in erster Linie Initiativen der Hersteller oder der Logistikunternehmen. Beachtet werden sollte jedoch auch das Verhalten der Konsumenten in Bezug auf die neuen Möglichkeiten der 3-D-Drucktechnik. Laut einer Erhebung des jungen Amsterdamer Unternehmens 3-D Hubs haben jetzt bereits eine Milliarde Menschen Zugang zu einer 3-D-Produktionsstätte in höchstens 16 km Entfernung. Und Schätzungen gehen davon aus, dass sich die Zahl der 3-D-Drucker jährlich verdoppeln wird, bei sinkenden Anschaffungskosten. Was derzeit noch eher ein Hobby einzelner Technologiebegeisterter ist, könnte dann zu einer alltäglichen Gebrauchssache werden: Der 3-D-Drucker zu Hause, mit dessen Hilfe der Konsument selbst die Supply-Chain-Prozessschritte überspringt, sich nur noch das Grundmaterial liefern lässt und seine neuen Schuhe, um beim Beispiel zu bleiben, zu Hause zu einem beliebigen Zeitpunkt selbst ausdruckt. Inwieweit dieses Szenario eintreten wird, ist schwer vorherzusagen. Immerhin sind 90 Prozent der Teilnehmer einer unter den Bundesbürgern Anfang 2017 durchgeführten repräsentativen Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom der Meinung, dass sich der 3-D-Druck auf lange Sicht in Privathaushalten durchsetzen wird.(8)

Sollten sich diese Erwartungen erfüllen, würde dies zu einem Umsatzrückgang im (physischen) Onlinehandel und bei den Transportmargen führen. Mit einer halb- oder einjährlichen Lieferung von Grundmaterial lässt sich kaum der gleiche Umsatz erzielen wie mit der ein- oder zweiwöchentlichen Lieferung eines Produkts. Und die „Versandkosten“ der digitalen Herstelldaten für den hausgemachten 3-D-Druck werden dies auch nicht ausgleichen können.
Die Sichtweise „Warum in ein Geschäft gehen, wenn man auch online aussuchen und die Ware kostenlos nach Hause geliefert bekommen kann?“ ist ursächlich für die Umsatzverschiebung vom Einzelhandel zum Onlinehandel. „Warum auf die Lieferung warten, wenn ich die Ware jetzt direkt selber herstellen kann?“ könnte ursächlich werden für eine Umsatzverschiebung des physischen Onlinehandels hin zum digitalen Onlinehandel, gleiche Produktqualität vorausgesetzt.

Dem auf dem Rückzug befindlichen Einzelhandel könnte der 3-D-Druck dagegen neue Impulse geben. Vom reinen Vertriebs- und gelegentlich auch Reparaturcenter könnten sich manche Einzelhandelsgeschäfte zu einer Mikrofabrik wandeln. Bei geringerer Lagerhaltung und gleichzeitig erhöhter Produktvielfalt, und ein bisher vorhandener Reparaturservice könnte sich in einen 3-D-Kopierservice wandeln. In der Studie des Digitalverbands Bitkom gaben 55 Prozent der Befragten an, bereits jetzt gerne einen „3-D-Copyshop“ in der Nähe nutzen zu wollen.

Lautsprechergehäuse aus 3-D-Drucker

Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass der 3-D-Druck die Lieferketten revolutionieren und den Logistikunternehmen dabei auch Raum für neue Geschäftsideen und -beziehungen geben wird. Eine vollständige Verdrängung des konventionellen Warenverkehrs ist jedoch nach derzeitigem Stand der Technologie, sowie unter den Gesichtspunkten von Garantie und Haftung, gewerblichen Schutz- und Urheberrechten und auch dem mit manchen Produkten verknüpften Hersteller-Renommee, nicht zu erwarten.
Etwas hypothetischer einzuschätzen ist das Ver­halten der Konsumenten. Die „Homeproduction“ und der Handel digitaler Herstelldaten werden mit Sicherheit zunehmen, zu Lasten des Handels mit physischen Waren. Ob aber zumindest in Deutschland mit einer zu über 60 Prozent zur Miete wohnenden Bevölkerung jeder Haushalt sich seine eigene Mikrofabrik ins Wohnzimmer stellen möchte, ist fraglich.
In jedem Falle aber wird die 3-dimensionale Zukunft den Warenhandel und Güterverkehr verändern. //

 

 

Autorenvita Prof. Dr. Welf Wawers

 

 

Quellen:
(1) https://www.strategyand.pwc.com/de/pressemitteilungen/3d-druck; Aufruf: 25.04.2018
(2) https://www.daimler.com/nachhaltigkeit/produktion/3d-druck.html; Aufruf: 25.04.2018
(3) https://logistik-aktuell.com/2018/02/27/3d-druck-in-der-autoindustrie/; Aufruf: 25.04.2018
(4) https://www.dhl.com/en/about_us/logistics_insights/dhl_trend_research/3d_printing.html; Aufruf: 25.04.2018
(5) https://3druck.com/visionen-prognosen/dhl-veroeffentlicht-trend-report-3d-druck-und-die-zukunft-der-lieferkette-3651894/; Aufruf: 25.04.2018
(6) „Providing services related to item delivery via 3D manufacturing on demand“; US-Patent Nr. US 2015/0052024 A1; Pub. Date Feb 19, 2015
(7) https://www.bain.com/publications/articles/making-it-personal-rules-for-success-in-product-customization.aspx; Aufruf 25.04.2018
(8) https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Bundesbuerger-sagen-3D-Druck-grosse-Zukunft-voraus.html; Aufruf 25.04.2018
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Lautsprecher: Von Leuchtender Hund – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67013506
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Technologiebranche Handel

Um die Aufmerksamkeit des Kunden auf den eigenen Shop zu lenken, gehen die Handelsunternehmen neue Wege und entwickeln innovative Formate.

von Stefan Genth

Das Wachstumstempo im Einzelhandel wird maßgeblich vom Online-Handel geprägt. Online einzukaufen gehört für die Verbraucher zum Alltag. Dies gilt jedoch (noch) nicht für „Fast Moving Consumer Goods“ (FMCG), also insbesondere die Waren des täglichen Bedarfs. Hier ist zwar ein starkes Wachstum zu verzeichnen, der Online-Marktanteil liegt jedoch heute noch auf einem niedrigen Niveau. Lediglich 1,7 Prozent aller Gesamtausgaben für FMCG werden online getätigt. In einzelnen Warengruppen zeigt sich jedoch ganz deutlich die fortschreitende Onlinerelevanz. So liegt der Anteil der Ausgaben bei Körperpflegeprodukten oder Near Food (zum Beispiel Tiernahrung) bereits deutlich höher als beispielsweise in der Kategorie Food. Hier gibt es seitens der Verbraucher bislang noch die größte Zurückhaltung, online einzukaufen.

 

Online-Schaufenster gewinnen weiter an Bedeutung.

 

Um die Aufmerksamkeit des Kunden auf den eigenen Shop zu lenken, gehen die Handelsunternehmen neue Wege und entwickeln innovative Formate. Mehr denn je gilt es, sich in die Denkweise des Kunden hineinzuversetzen, technische Hürden zu überwinden und jedem einzelnen Kunden im richtigen Moment das passende Angebot zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei die Verzahnung zwischen stationärem Geschäft und Online-Shop. Deshalb eröffnen immer mehr bisher reine Online-Händler auch stationäre Geschäfte. So können die Kunden in Zukunft noch einfacher die Vorteile aus beiden Welten nutzen. Umgekehrt bauen aus dem gleichen Grund immer mehr stationäre Händler einen Online-Shop auf. Damit profitieren sie von der Entwicklung im Online-Handel.

 

Während der stationäre Handel nur leicht zulegt, wächst der Online-Handel deutlich.

 

Digitalisierung im Handel ist aber mehr als die Eröffnung von Online-Shops oder der Verkauf auf Marktplätzen und Plattformen. Denn auch die stationären Geschäfte nutzen die neuen Möglichkeiten für sich und ihre Kunden und setzen auf digitale Services auf der Fläche. Anwendungen wie Innennavigation, digitale Produktinformationen oder mobile Bezahlung sind in aller Munde.
Hier können die Kunden weitere neue Services erwarten. Insbesondere Anwendungen, die auf dem Einsatz von freiem WLAN beruhen, haben noch viel Potenzial. So zum Beispiel die sogenannte verlängerte Ladentheke. Diese ermöglicht es den Kunden, die Produkte vor Ort im Laden zu begutachten und dann per Smartphone zusätzliche Produktinformationen zu erhalten sowie die gewünschte Produktkonfiguration zusammenzustellen.

Das Vertrauen der Kunden ist auch im digitalen Zeitalter die wichtigste Währung im Handel.

Der Handel entwickelt sich immer stärker in Richtung einer Technologiebranche. Software- und Analytikwissen spielt eine gleichberechtigte Rolle neben den traditionellen Kernkompetenzen wie konsequenter Kundenorientierung, tollem Shopdesign, spannenden Sortimenten, hervorragendem Service und leistungsstarker Logistik.
Fünf Technologiebereiche lassen sich dabei aufgrund ihres großen Potenzials für den Handel herausstellen:

„Augmented Reality“ und „Virtual Reality“ (AR/VR)

Mithilfe von Augmented Reality können beispielsweise Möbel in Originalgröße im heimischen Wohnzimmer platziert und auf die restliche Einrichtung abgestimmt oder die passende Paketgröße kann anhand der Platzierung des zu versendenden Artikels im virtuellen Paket bestimmt werden.
Aber nicht nur in den eigenen vier Wänden, auch im Store selbst erleichtert Augmented Reality eine informierte Entscheidung. Vom Wegweiser durch den Store über die Einblendung von Produktinformationen – und Variationen sowie Illustration der Funktionsweise – bis zur persönlichen Beratung durch digitale Verkäufer: Unterschiedlichste Einsatzweisen werden derzeit getestet. Noch weiter gehen Virtual-Reality-Welten, in denen Kunden durch verschneite Skiwelten fahren oder die sonnigen Strände des nächsten Urlaubsorts besuchen können.

Der Store wird zur Spielwiese (Digital POS/Robotics)

„Persönliche Beratung“ wird meist als das Kernargument für den Kauf im Store genannt. Verkaufs- und Promotion-Roboter wie „Paul“ oder „Pepper“ eröffnen dabei neue Möglichkeiten, das digitale mit dem stationären Geschäft zu verbinden und erhöhen den Erlebniswert des Einkaufs. Sie unterstützen als digitale Verkäufer z. B. bei der Navigation, Vorstellung von Produkten und Techniken oder spielen auch mal mit den jüngeren Besuchern eine Runde „Schnick, Schnack, Schnuck“. Zudem zeigen Studien, dass Roboter sich sehr gut zur Einholung von Feedback eignen. Jeder zweite Kunde würde negative Kritik eher gegenüber einem Roboter äußern als im Gespräch mit einem realen Verkäufer.
Großes Interesse besteht nach wie vor auch am vernetzten Besucher im Store. Mehr als jeder dritte Händler setzt derzeit beispielsweise auf den Einsatz von Beacons oder befindet sich in der konkreten Planung, mehr als jeder vierte Händler experimentiert mit Instore-Navigation. Bei der Einblendung personalisierter Angebote und erweiterter Produktinformationen überschlagen sich derzeit die Technologien.

Big Data: Daten eröffnen neue Welten

Verbraucher sind in erster Linie jenen Marken treu, die das Kundenerlebnis gezielt auf ihre Bedürfnisse und Vorlieben zuschneiden. Doch nur, wer die richtigen Daten hat, hat die Chance, dem Kunden passgenaue Angebote zu unterbreiten. Dabei müssen natürlich die hohen Datenschutzanforderungen gewahrt werden, denn das Vertrauen der Kunden ist auch im digitalen Zeitalter die wichtigste Währung im Handel.

Der Handel wird klüger (KI)

Bis dato lag das Wissen über Daten und ihre Verarbeitung beim Händler selbst. Die zunehmend komplexen, vielschichtigen und vernetzten Entscheidungen könnten jedoch zukünftig mehr und mehr von Maschinen getroffen werden, die mit jedem neuen Datensatz dazulernen und ihre Vorhersagen kontinuierlich verbessern.
Die Anwendungsgebiete für künstliche Intelligenz im Handel variieren von Bedarfsprognosen zur Optimierung der Bestellmengen über Trendvorhersagen, nach denen sich Sortimente gestalten lassen, bis zu Lieferrouten, die Verkehrs- und Wetterdaten mit einbeziehen.

Das Produkt kommt zum Kunden (Voice / Dash-Buttons / Chatbots)

Alexa, Siri, Google Assistant, Cortana, Bixby – die Familie der Sprachassistenten wächst rasant. Sie managen das Smart Home, spielen Musik ab oder bestellen Taxis.
Intelligente Einkaufshilfen ermöglichen ein komfortables Einkaufserlebnis, indem sie bei der Einkaufsplanung unterstützen und den Kaufprozess vereinfachen – wieso erst das Smartphone suchen und die App öffnen, wenn man auch während des Kochens fehlende Zutaten nachbestellen kann? Generell geht der Trend zur Automatisierung des Bestellprozesses. Dash-Buttons zur Bestellung per Knopfdruck haben es inzwischen bis in die Waschmaschinen und Drucker geschafft – sodass der Nachschub an Pulver und Tinte niemals nachlässt.
Alle diese aktuellen Entwicklungen machen deutlich: Der Handel befindet sich durch die Digitalisierung im größten Strukturwandel seit Einführung der Selbstbedienung. Die Kunden können sich auf viele neue Services und Angebote freuen. //

 

Autorenvita: Stefan Genth

 

 

 

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Überarbeitete Richtlinie über Zahlungsdienste (PSD2)

PSD2 löst die Zahlungsdienste-Richtlinie (2007/64/EG) PSD vom 13. November 2007 ab und ist seit dem 13. Januar 2018 gültig.

von Andreas Fuhrich

Am 8. Oktober 2015 verabschiedete das Europäische Parlament den Vorschlag der Europäischen Kommission zur Schaffung sichererer und innovativerer europäischer Zahlungen (PSD2). Die neuen Regeln zielen darauf ab, die Verbraucher besser zu schützen, wenn sie online bezahlen, die Entwicklung und Nutzung innovativer Online- und Mobilfunkzahlungen zu fördern und die grenzüberschreitenden europäischen Zahlungsdienste sicherer zu machen.

Kommissar Jonathan Hill, zuständig für Financial Stability, Financial Services und Capital-Markets-Union, sagte: „Diese Gesetzgebung ist ein Schritt in Richtung eines digitalen Binnenmarktes, der den Verbrauchern und Unternehmen zugutekommt und der Wirtschaft helfen wird.“

Am 16. November 2015 verabschiedete der Rat der Europäischen Union die PSD2, Richtlinie (EU) 2015/2366. Die Mitgliedstaaten haben zwei Jahre Zeit, die Richtlinie in ihre nationalen Gesetze und Vorschriften umzusetzen. Die überarbeitete Richtlinie über Zahlungsdienst wurde in Deutschland mit dem Gesetz zur Umsetzung der Zweiten Zahlungsdiensterichtlinie am 13. Januar 2018 umgesetzt. Am 27. November 2017 hat die EU-Kommission Vorschriften zu PSD2 verabschiedet, die elektronische Zahlungen in Geschäften und im Internet sicherer machen sollen. Nach Annahme der technischen Regulierungsstandards durch die Kommission haben das Europäische Parlament und der Rat drei Monate Zeit, um diese zu prüfen. Die neuen Vorschriften werden vorbehaltlich des Prüfungszeitraums im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Banken und andere Zahlungsdienstleister haben dann 18 Monate Zeit, um die Sicherheitsmaßnahmen und Kommunikationsinstrumente einzuführen.

Die neue EU-Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 soll Finanz-Start-ups stärken. Die Banken werden verpflichtet, Schnittstellen einzurichten, die Zahlungsdienstleistern den Zugriff auf die Konten der Bankkunden ermöglichen. Allerdings ringen FinTechs und Banken um die richtige Auslegung – und die Frage, wie sie auf Kundendaten zugreifen dürfen. Die Banken beharren darauf, dass künftig nur noch Daten über spezielle Schnittstellen und nicht mehr direkt übers Onlinebanking – im Fachjargon Screen Scraping – abgefragt werden. Über die datenschutzrechtlichen Aspekte des Zugriffs externer Dienstleister, beispielsweise bei Missbrauch der Kundendaten durch Dienstleister, besteht in Deutschland noch keine Einigkeit.

Die Schweiz muss die PSD2-Regulierung der EU nicht umsetzen, dennoch wird diskutiert, ob eine PSD2-äquivalente Regulierung eingeführt werden soll. In der Schweiz gewähren die Banken bereits heute Drittanbietern Zugriff auf Konten und öffnen die Kundenschnittstelle, wenn dies im beidseitigen Interesse von Bank und Kunden ist. Ein gesetzlicher Zwang für die Banken besteht jedoch nicht. Die Schweiz setzt somit auf marktwirtschaftliche Lösungen. Die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) lehnt eine Regulierung analog zu PSD2 respektive eine gesetzlich erzwungene Öffnung der Zugriffsrechte für Dritte ab. //

Factoring: Der Handel boomt!

Unter den Schwerpunktbranchen im Factoring steht der Handel schon seit vielen Jahren unangetastet auf Platz eins im Ranking.

von Dr. iur. Alexander M. Moseschus

Das Jahr 2017 war für die Factoring-Branche wieder ein erfreuliches Jahr: Das Factoring-Volumen wuchs im achten Jahr in Folge, dieses Mal auf über sieben Prozent. Ebenso steigt die Anzahl der Kunden weiter ungebremst auf nunmehr schon über 36 000. Dass über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland Mittelständler sind, zeigt, dass trotz des starken Zuwachses in der Kundenanzahl hier immer noch ein erhebliches Potenzial für Factoring besteht, nicht nur, aber auch gerade im KMU-Segment.

Hierin dürfte auch ein Hauptmotiv des nach wie vor hohen Engagements von sog. FinTech-Unternehmen im Factoring liegen, die schwerpunktmäßig gerade diese Zielklientel vor Augen haben.

Unter den Schwerpunktbranchen im Factoring steht der Handel schon seit vielen Jahren unangetastet auf Platz eins im Ranking der Schwerpunktbranchen: Auf den Handel entfiel mehr als ein Viertel vom Gesamtumsatz. Bemerkenswert ist weiterhin, dass sich das B2C-Factoring in 2017 mit 92,9 Prozent auf nunmehr 12,2 Mrd. Euro fast verdoppeln konnte. Die dynamische Zunahme im B2C-Geschäft verdeutlicht, dass neben vermehrt moderner werdenden Absatzwegen („Online-Handel“) zunehmend auch Dienstleister aus zum Beispiel dem medizinischen Sektor Factoring als Finanzierungsform erkennen und der Verbrauchersektor insgesamt an Bedeutung gewinnt.

Deutschland exportierte in 2017 Waren und Dienstleistungen im Wert von über 1,2 Billionen Euro in die Welt, was einem Plus von 6,3 Prozent entspricht und dem Wachstumswert im Export-Factoring recht nahe kommt. Die gesamten deutschen Importe lagen mit über 1 Billion Euro 8,3 Prozent höher als im Jahr 2016. Da Factoring im Ex- wie Import eine traditionelle Form der Absicherung von internationalen Handelsgeschäften bietet, offenbart dies, dass gerade im Import-Factoring nach wie vor noch Wachstumspotenzial besteht.

Trotz des weiterhin anhaltenden Booms von „Made in Germany“ waren für den Erfolg im internationalen Factoring das Export-Factoring mit einem Plus von 5,6 Prozent auf 68,1 Mrd. Euro wie auch das Import-Factoring mit einem Plus von 5,5 Prozent auf 3,7 Mrd. Euro fast gleichermaßen verantwortlich.

Die Factoring-Quote erreicht mit 7,1 Prozentpunkten einen neuen Rekordwert: Allein der Umsatz der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes übersteigt damit erstmals die magische Sieben-Prozent-Marke im Verhältnis zum gesamten deutschen Bruttoinlandsprodukt. Ein hervorragendes Ergebnis einer vergleichsweise überschaubaren Finanzierungsbranche mit „nur“ etwas mehr als 3 000 Mitarbeitern. (Die Factoring-Quote misst das Verhältnis zwischen dem angekauften Forderungsvolumen der deutschen Factoring-Institute und dem Bruttoinlandsprodukt. Die Factoring-Quote überstieg in Deutschland in 2017 mit 7,1 Prozent erstmals die magische Sieben-Prozent-Marke.)

Die Marktdaten des Deutschen Factoring-Verbandes sind repräsentativ für den gesamten deutschen Factoring-Markt; nach jüngsten neutralen Untersuchungen bedienen die gegenwärtig 41 Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes rund 98 Prozent des verbandlich organisierten Factoring-Volumens. //

Autorenvita: Dr. iur. Alexander M. Moseschus

 

 

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Verschlüsselung ist nicht alles

Verbraucherdaten sind zu schützen – Datensicherung und Anonymisierung im Handel

von Dr. Christoph Hönscheid

Aufgrund der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) muss auch der Handel wirksame Maßnahmen zum Schutz von Informationen ergreifen. Gerade in dieser Branche werden Daten häufig in Bereichen verarbeitet, über die das Unternehmen keine Kontrolle hat, so zum Beispiel bei den großen Cloud-Anbietern in den USA. Anonymisierungs-Gateways als „Single Point of Control“ können kritische Daten auf ihrem Weg dorthin „entschärfen“, ohne die Funktionen betroffener Applikationen zu beeinträchtigen.

Der Handel gehört seit Jahren zu den bevorzugten Zielen von Cyberkriminellen: Hier können sie, sofern sie mit ihrem Treiben erfolgreich sind, an große Mengen von Kundendaten kommen, und hier fällt ihnen der Erfolg oft genug recht leicht, weil die Unternehmen ihre Daten weniger gut schützen als beispielsweise in der Industrie, im Finanzsektor oder im Bereich Forschung und Entwicklung. Dabei sind Daten im Handel und besonders im Einzelhandel in hohem Maße „kritisch“ – Verbraucherdaten, vielleicht sogar mit Informationen über Kreditkarten oder Bankverbindungen lassen sich schneller und unkomplizierter monetarisieren als Daten, die in anderen Bereichen abgegriffen wurden.

Mit der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die ab Mai endgültig in Kraft tritt, ändern sich jedoch auch für den Handel die Rahmenbedingungen der Datensicherheit. Wenn Unternehmen massive Strafzahlungen vermeiden wollen, müssen sie beizeiten wirksame Maßnahmen ergreifen, um für alle Geschäftsanwendungen einen höchstmöglichen Schutz der personenbezogenen Informationen sicherzustellen. Die DSGVO fordert den Schutz personenbezogener Daten über deren gesamten Lebenszyklus hinweg – Unternehmen müssen also jederzeit die volle Kontrolle über diese Daten behalten, von der Erfassung bis zur Archivierung. Das gilt für selbstentwickelte Anwendungen ebenso wie für Standard-Software und natürlich auch für Cloud-Services – es sind also beispielsweise sowohl die Anwender von SAP als auch von Salesforce betroffen.

Auch im Handel lagern ja immer mehr Unternehmen Geschäftsprozesse in die Cloud aus, da Cloud-Services hinsichtlich Flexibilität, Skalierbarkeit und Kosten unübersehbare Vorteile bieten. Die Sicherung von Ge-schäftsdaten – und damit auch Kundendaten – ist aber in Cloud-Anwendungen immer eine besondere Herausforderung. So hat das jewei-lige Unternehmen dann nicht mehr die alleinige und vollständige Kontrolle darüber, wie mit den Daten verfahren wird. Insbesondere aber schreiben regulatorische Vorgaben gerne vor, dass Daten den betreffenden nationalen Geltungsbereich nicht verlassen dürfen. Wer also zum Beispiel die Kundendaten seiner chinesischen Niederlassung mit Salesforce verarbeiten möchte, das wiederum die Daten in einem japanischen Rechenzentrum speichert, hat ein Problem, das sich ohne Verschlüsse-lung oder Verschleierung der Daten nicht beheben lässt. Nur so ist sichergestellt, dass die Daten unkenntlich das Land verlassen und erst wieder lesbar werden, wenn sie zurückkommen.

Insbesondere regulatorische Vorgaben sehen oft vor, dass Daten den jeweiligen nationalen Geltungsbereich nicht verlassen dürfen.

Für die Sicherung sensibler Daten in der Cloud eignet sich besonders eine spezielle Cloud-Data-Protection-Lösung – ein Anonymisierungs-Gateway, das sämtliche sensiblen Informationen verschlüsselt oder verschleiert, bevor sie überhaupt erst an die Cloud-Anwendung übermittelt werden. Wichtig sind dabei die folgenden Anforderungen:

  • Das Gateway sollte so flexibel sein, dass es für eine Vielzahl von Cloud- oder Web-Anwendungen und Datenbanken angepasst werden kann;
  • die Lösung darf die Funktionalität der Anwendungen trotz Veränderung der Daten nicht einschränken; Funktionen wie Suchen, Sortieren und Reporting müssen weiterhin problemlos möglich sein.

Anonymisierungs-Gateways bieten für die Verschleierung der Daten einen „Single Point of Control“, der unabhängig von den Anwendungen und den zu schützenden Daten administriert wird. Die Cloud-Anwendung erhält zu keinem Zeitpunkt Zugriff auf Schlüssel oder Daten im Klartext, denn die Schlüssel verbleiben ausschließlich beim Gateway und damit beim Anwenderunternehmen. Sie werden dort von speziellen Sicherheitsadministratoren verwaltet, die zwar bestimmen, welche Nutzer die Informationen im Klartext lesen dürfen, die aber selbst keinen Zugriff auf Anwendung und Speicherort der Daten haben. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel für Handelsunternehmen komplette Supply-Chains in der Cloud abbilden, ohne dass dadurch die Daten gefährdet werden. Anonymisierungs-Gateways arbeiten mithilfe eines flexiblen Template-Konzepts, das die Möglichkeit zur selektiven Datenverdunklung bietet. Mit anpassbaren Templates können Unternehmen die wirklich kritischen Daten auswählen und diese gezielt so verbergen, dass sie von der Anwendung noch akzeptiert werden.

Grenzen der Verschlüsselung

Unbestritten ist Verschlüsselung für die Bewältigung dieser Aufgabe eine performante und sichere Methode, um die Daten zu schützen. Sie ist aber nicht in jedem Fall die ausreichende Antwort. Verschlüsselte Daten sind ja nicht mehr als kryptische Zeichenketten, die nicht mehr erkennen lassen, dass sie zuvor beispielsweise eine Postleitzahl waren. Genau dies erwarten Anwendungen allerdings und prüfen, ob in das Feld „PLZ“ wirklich eine fünfstellige Zahl eingegeben wird. Außerdem sollte für Auswertungen oder Reports eine Postleitzahl zwar nicht konkret identifizierbar, aber doch weiterhin als Postleitzahl einer Region erkennbar sein.

Diese Anforderungen löst die Technik des Data-Maskings beziehungsweise der Data-Obfuscation (Datenverdunklung): Hier werden die Daten nicht einfach verschlüsselt, sondern so verschleiert, dass ihre Struktur weiterhin erhalten bleibt; eine Postleitzahl sieht also nach wie vor wie eine Postleitzahl aus, lediglich ihr Inhalt wurde so verändert, dass keine Rückschlüsse mehr auf den betreffenden Datensatz möglich sind. Das Gateway löst die Verschleierung beim Abruf der Daten durch berechtigte Personen dann wieder auf. Die betreffenden Anwendungen und Datenbanken funktionieren weiterhin einwandfrei; zugleich ist den Vorschriften Genüge geleistet, denn es gingen keinerlei Klardaten nach draußen.

Handelsunternehmen erfüllen mit einem Anonymisierungs-Gateway gleich mehrere Anforderungen: Sie sichern die Kundendaten und damit ihr wertvollstes Kapital; sie erfüllen die gesetzlichen Vorgaben und vermeiden damit Strafen; sie halten ihre ERP- und CRM-Anwendungen auch in Infrastrukturen, die sie nicht kontrollieren können, trotzdem weiter voll funktionsfähig, sodass sie weiter wettbewerbsfähig agieren können. //

Autorenvita: Dr. Christoph Hönscheid

 

 

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